#4 Dein Wort

Meine eigene Kurzfilm-Challenge zu Bibelworten, Stuttgart 2015

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#MONTREAL_MEMORIAL

Parallelprotokoll, Sonderedition bed-in, 26051908100830

Parallelprotokolle verlängern das Schreiben ins Leben und das Leben ins Schreiben. Sie erfassen Wahrnehmungen, Sinneseindrücke und Einfälle in protokollarischen Notizen und ergeben in der chronologischen Zusammenfassung mehrerer lebender und schreibender Menschen mit Blick auf die gleiche Sache eine Collage an Text und Leben.

Die Kulturgymnastik Berlin initiiert Serien von Parallelprotokollen und ihre Inszenierung mit verschiedenen Sprecherinnen und Sprechern. Ihre Kontinuität ist Voraussetzung jeden parallelprotokollierenden Experiments. DANKE!!

Anlässlich des 50. Jahrestag des bed-in von Yoko Ono und John Lennon in Montreal (#montrealmemorial) haben sich Protokollant_innen zusammengefunden, die dieses Ereignis mit einem re-enactment gefeiert und es bedacht haben. Es handelt sich nach dem Wissen aller Beteiligten um den ersten Versuch einer hybriden Parallelprotokollierung. Im historischen Abstand zur öffentlichen Inszenierung des Privaten als Politischen in Montreal wird deutlich, dass es unter gegenwärtigen Bedingungen eher um eine Interferenz von Perspektiven geht als um eine „totale Rekonstruktion“, auf die Heinrich Böll in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises 1973 (noch) gehofft hat.

 

8:10
A Die Sonne scheint durch die zugezogenen Gardinen ins Zimmer und taucht unser Schlafzimmer in ein gemütlich warmes Licht. Geliebter Sonntagmorgen, gemeinsam im Familienbett. Maße 2,80x2m. Mein vierjähriger Sohn sitzt links neben meinen Beinen, hat eine Lego-Ninjago-Zeitschrift vor sich aufgeschlagen und albert mit seinem keinen Babybruder rum, der fröhlich glucksend und strampelnd auf meinen Schienbeinen liegt. Mein Laptop wackelt auf meinem Schoß und ich tippe. Mein Mann schläft noch am anderen Ende des Bettes. Ich sehe von ihm nur etwas Kopf und einen Fuß. Wahrscheinlich stellt er sich nur noch schlafend, um noch ein paar unbehelligte Minuten länger rauszuschlagen.
B Ein feines Ticken der Uhr. Wie Insektenbeine, die eilig über eine Fläche laufen. Und von draußen Vögel, Autotüren, Wind. Die Stadt von hinter den Häusern wie ein Meer.
C Ich kann mich nicht entsinnen, hier schon mal im Bett gesessen zu haben. Jedenfalls schlägt das Licht unerwartete Falten und Purzelbäume in den Scheibchengardinen und lässt Schatten auf den maßgeschneiderten Schrank fallen. Maßgeschneiderte Schatten, so meine Hoffnung. Dass diese Welt, die sich unbeeindruckt von meinen Gestimmtheiten und Gliederschmerzen auch heute wieder neu zeigt, irgendwie Maßgeschneidertes bringt. Die Bevölkerungsdichte dieses Raums ist in einem Drittel aller Zeit genauso so hoch wie die der bevölkerungsreichsten Stadt der Welt. Das Bett misst 2x2m und die Grenzen nachtblauen Spannbetttuchs sind die Grenzen nachtumborgener Welt. Leuchttürme auf Seersucker markieren die Sehnsucht nach Orten am Meer. Und darin jeden Morgen neu diese für mich ungeheuerliche Stille und da hinein das Symphoniekonzert aus Vogelstimmen. Die Welt, die ich beim Blick durchs Fenster erahne, ist eigentlich gar nicht für Menschen gemacht.
8:12
B Im Hinterhof wachsen Rosen wie in Großvaters Garten. Der Messerwerfer hustet bei seiner ersten Zigarette (ich vermute es, sehe ihn nicht, die Rosen sehe ich. Zum ersten Mal. Die Kiefer und das zerrissene Tuch in ihren Zweigen zum hundertsten Mal, ich kenne es, seit ich zum ersten Mal in diesem Bett war. Bis heute weiß ich nicht, wie ich hierher geraten bin.)
8:13
A Mein Sohn bittet mich, ihm was vorzulesen. Ich kann grad nicht, weil ich schreiben will. Er ärgert sich „manno Mama“ und macht mit seiner Zeitung einen riesigen Satz durchs Bett und springt auf seinen Papa. „Papaaaaaa, kannst du mir das hier vorlesen? Bitte. Jetzt.“ Papa räkelt sich und erzählt ein Stück aus der Comic-Geschichte. Lloyd und Garmadon fliegen mit ihrem Flugsegler und ein Mech-Roboter will Garmadon abschießen. Nix mit ‘Peace`.
C Diese Welt ist von Menschen gemacht und gaukelt doch vor, natürlich zu sein. Damals, da wollten die Reichen und die, die schön sein wollten, einen Ort außerhalb der lauten Stadt haben, um sich zu ergehen. Eigentlich ist das eher eine Welt für Vögel und Pflanzen und Tiere und solche, die sich im Unterholz verstecken. Manchmal denke ich, dass es noch viel mehr Welten gibt, die vorgaukeln, etwas Anders zu sein.
D Ah, Anfangszeitpunkt verpasst.
Alles ist leise, draußen hört man keinen Ton. Hier drinnen im Schlafzimmer nur mein Kind, das manchmal leise schnarcht. Jetzt höre ich aber gerade nur Einatemgeräusche.
8.14
D Unser Bett ist 1,40m x 2m, weiße Decke, die über die ganze Breite geht mit oben und unten 3 grauen Quersteifen. Das Spannbettuch drunter ist schwarz, doch das sieht man nur an der oberen linken Ecke von mir aus gesehen und rechts neben mir, neben meinem Kind.
8.15
A Mein Sohn trägt ein Pflaster auf der Stirn. Weil er ist der rote Ninja-Kai, der hat auch ein Pflaster und kann Feuer. Ich habe diese Ninjago – Geschichte schon gestern nicht verstanden. Dabei hatte der Papa den Comic mit vollem Einsatz samt aller Onomatopoesie sehr überzeugend vorgetragen. Das Tschack! Wuuusch! Boing! klang wunderbar. Dafür fehlt ihm heute morgen vor dem ersten Kaffee wohl noch der Elan.
B Das Bett ist blau bezogen. Ein blaues Spannbettuch (blau wie die Rosen rot sind), blaue Bettwäsche mit schwarzgelben chinesischen Zeichen. Ob ich sie finden könnte in der Zeitung, die im Asia-Supermarkt auslag? Im Bett befinden sich: 1 altes iPhone und 1 neues iPhone, beide mit Lederetuis, beide gehören nicht mir. 1 Kissen 1 Decke. Ich. Ein Mann. Unser kleines vertrautes Wir, warm wie unter der blauen Decke.
C Ich schreibe sonst nur im Bett, wenn ich krank bin. Als Kind hat man mir beigebracht, in jedem Raum nur das zu tun, wofür er vorgesehen ist. Ein Schlafzimmer ist keine Schreibstube. Die Soziologin, die mich gerade am meisten inspiriert, sagt, wir lebten in einer Zeit der Dezivilisierung. Das sei am subtilsten in Alltagsprozessen beobachtbar. Ich bekomme ein wenig schlechtes Gewissen und denke an das Chaos meines Lebens. Eigentlich findet fast nichts dort statt, wo es soll.
8:16
D Mein Kind hat einen schwarz-weiß gestreiften Schlafanzug an auf dem ein rotes Herz abgebildet ist mit einem Mund, der wie ein Blitz aussieht. Das Herz hat komische staksige Beine mit albernen Schuhen. Es hebt seine rechte Hand zum Victory-Gruß, die andere hängt herab. Aus seinem Mund kommt eine Sprechblase, darin steht TOTAL HEART BREAKER, weiß auf schwarz. Ich sehe nur das Ohr meines Kindes und den Haaransatz, das Gesicht hat er am Rücken meines Mannes vergraben.
8:18
A Dann muss Papa erst mal auf die Toilette. Er steht auf und tanzt nackt und scherzend an mir vorbei ins Bad. Ich muss lachen und sage, dass ich das jetzt protokolliere. Er sagt zum Sohn, dass er für die Mama und sich dann gleich in der Küche erst mal einen Kaffee macht. Der Sohn macht den Papa nach und hüpft als Nackedei hinterher. Dabei proklamiert er, dass ihm sehr heiß sei und er dringend ein Eis braucht.
C Zivilisiert sei auch, schreibt sie weiter, nicht freiwillig auf Autonomie zu verzichten. Ist das nicht ein privilegiertes Argument? Ist es wirklich politisch, was wir hier machen, oder ist es dekadent? Und was tun, wenn es gar keine Deutungshoheiten gibt?
D Ich muss husten. Auf der Bettdecke zeichnen sich die Beine meines Mannes darunter ab. Die Bettdecke ist verknittert, aber Bettdecken bügeln sehe ich nicht ein. Eine Milchflasche schiebt sich in mein Blickfeld. Ich glaube, es ist noch Milch drin. Beige auf weiß, mit der Millimeteranzeige.
8:19
C Kaffee schmeckt übrigens, im Bett getrunken, anders als am Ess- oder Schreibtisch. Da ist dieser gelegentlich ungünstige Neigungswinkel und dieser Nachgeschmack, der unter den Eindrücken der Tagtrubelwelt offensichtlich leichter verfliegt. Ansonsten gibt es Kaffee am Bett für mich nur an Muttertag und vielleicht mal an diesen Morgenden, wo Du aufwachst und nicht genau weißt, wo Du eigentlich bist.
8:20
A Das Baby lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und gluckst weiter. „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ prangt auf einer großen Papierbahn an der Zimmerwand. Ich weiß gar nicht mehr, vor wieviel Jahren ich das dort hingeschrieben habe. Aber es tut gut, es immer wieder zu lesen. Mal morgens, mal abends und auch jetzt.
B Im Zwischenraum zwischen Wand und den weißen Rohren, die zur Heizung führen, stecken zusammengefaltete Papiere oder Umschläge. Als warteten sie darauf, beschrieben zu werden. Der Mann sagt, sie seien dort hingerutscht. Er zeigt mir eine kleine Piccoloflasche mit roter Flüssigkeit. Darauf ein Aufkleber: Ich schenk dir mein Herz. „Das hast du gesehen?“
D Mein Mann küsst meinen Rücken, rechts von der Wirbelsäule. Er ist wach und umarmt mich, Ich spüre seinen Atem.
8:21
C Worte in den Beginn des Tages zu rufen, ist vielleicht Ausdruck größtmöglicher Autonomie und Kontrolle, am Ort funktional größtmöglichen Kontrollverlusts. Abgelegte Dinge um mich herum. Kleidung, die den Atem eines, aus heutiger Sicht, zu langen Abends am Feuer speichert, Halbgelesenes, über dem die Augen zufielen, Flickwerk (wie lange will ich mich darum schon kümmern?) und Überreste lustvoller Nächte, die irgendwie nie jemand verräumt. Wozu auch? Funktionale Schutzräume können nicht anders, als politisch zu sein. Sind wir nicht den Anderen die Spuren schuldig, damit sie mich erkennen, etwas von mir?
D Auch weiß – und daher von mir bis jetzt nicht beachtet – das „Schäfle“, eines der Lieblingskuscheltiere meines Sohnes. Ich sehe nur ein Auge und den verschmitzten Mund. Das Fell ist flauschig … es wartet darauf, dass mein Kind aufwacht.
8:22
A Mein Sohn kommt wieder ins Schlafzimmer gelaufen und setzt sich mit einer kleinen Schüssel Eis wieder mit ins Bett an meine Füße. Da hat er den Papa ja irgendwie rumgekriegt. Unsere Ernährung ist manchmal echt fragwürdig. Aber naja, es ist ja Sonntag, die Sonne scheint und das Leben ist schön. Er erklärt seinem Babybruder, dass dieser leider noch kein Eis essen darf.
8:23
D Ich muss husten. Aus der Nachbarswohnung hinter der Wand an meinem Rücken höre ich ein Knarzen. Jetzt ist wieder alles still.
8:24
C Sie dürfen es nur einmal tun und sie müssen es persönlich tun. Wahlanweisungen werden auf dem Fensterbrett von eben jenem verschattenden Sonnenlicht beschienen. Vergiss es nur nicht zu tun! Aufdringliche Modalverben und gefühlte Ausrufezeichen, die ich selten als so angemessen erlebe.
D Mein Mann bewegt sich und atmet hörbar. Jetzt ist wieder alles still. Ich huste. Komisch, ich bin eigentlich nicht krank…
8:25
B Wir trinken synchron Kaffee. Er liest, ich schreibe. Wenn ich die Augen schließe, wächst die Kiefer heraus aus dem schmalen Bett, wächst über unsere Köpfe, bis zur Decke und hindurch. Stille. Einem Ferkel sei die Flucht gelungen, liest der Mann vor.
D Meine Beine schlafen ein, genauer gesagt nur eines. Mein Mann muss mal und ich muss zweimal niesen. Hoffentlich wecke ich das Kind nicht auf – nein, er ist noch am schlafen.
8:26
A Der Sohn schreit laut nach Papa und dass er das Eis schon aufgegessen hat und verschwindet mit der Schüssel wieder in Richtung Küche. Mein Mann erscheint kurz im Schlafzimmer und bringt mir ein großes Glas Kombucha-Schorle. Ich wundere mich, dass wir sowas haben.
C Die Nachbarin gestern sagte, sie vermisse die Nachtigall. Ich kann gern auf Geschrei verzichten, vor allem in der Frühe. Ich bin froh, dass Kinder sich vom Schreien weiterentwickeln zu Legospielenden und Lesenden, jedenfalls Leisem. Die Nachtigall offensichtlich ist beim Geschrei am Ende ihrer Entwicklung angelangt. Ist das eigentlich erlaubt, dass manche Vögel auf der Tonlage meines Weckers singen? Mich irritiert das jeden Morgen. Überhaupt machen mir Technik-Natur-Hybride in meiner eigenen Wahrnehmungsfähigkeit eher Angst.
8:27
D In meinem rechten Bein spüre ich ein Kribbeln, ich bewege die Zehen. Mein Kind bewegt seinen Kopf im Schlaf vor und zurück und bewegt auch seinen Mund: „ichwieeeauuu“ sagt er im Schlaf. Er liegt auf der Seite und jetzt im rechten Winkel von mir. Ich huste. Wenn mein Mann zurückkommt, wird er keinen Platz mehr haben…
8:28
A Der Sohn kommt mit einer neuen Portion Eis freudestrahlend zurück ins Bett und bietet mir einen Löffel zum kosten an. Was soll ich sagen…es schmeckt nach Schokolade und Sommer und Sonntag und Freiheit.
C Am Morgen muss ich den Kategorien trauen dürfen. Dass Raum und Zeit wenigstens so lange gelten, bis ich einigermaßen zivilisiert autonom mitspiele in dieser Tagwelt. Ich liebe es, sehr früh aufzustehen und wenn ich diesen Zeitpunkt verpasse, ist alles für den ganzen Tag zu spät.
D Mein Mann kommt zurück, ist nackt und zieht sich eine rote Unterhose mit dunkelblauem Rand an. Laute Schnarchgeräusche von meinem Kind, er bewegt seine Finger an der rechten Hand. Ich huste. Von der linken Hand sieht man nur 2 Finger, ein Nagel ist ganz dreckig ….
8:29
A Nun kommt auch Papa mit zwei großen Gläsern Milchkaffee wieder. Oh ja, den kann ich jetzt gebrauchen. Der Sohn will nun auch was trinken und nippt an meiner Kombucha-Schorle. Er findet, dass die nach Bier schmeckt. Woher will er das eigentlich wissen, der Schlaumeier? Kinderbier, sagt er. Das Baby brabbelt und strampelt noch immer fröhlich vor sich hin.

 

ROT & LIEBE

Das ROT und die LIEBE, zwei Begriffe, die vielerlei verbindet!
Leitung der Fortbildung für Pfarrer*innen, Religionslehrer*innen und Gemeindepädagog*innen in Brandenburg an der Havel mit Pfarrerin Andrea Kuhla und Playing Artist Dorothee Böcker (https://akd-ekbo.de/kalender/playingarts-am-anfang-ist-das-spiel-i-grundlagen/)
In den wunderbaren Seminarräumen spielten wir intensiv mit dem ROT und der LIEBE und allem, was wir dazu assoziierten. Überraschend, überbordend und überaus schön was das passierte und entstand!
Hier einige Eindrücke:

Einfach? Nur Stehen.

Performance im Rahmen des Playing Arts Nordgruppentreffens „Steife Brise“ 2019 in Kiel zum Thema „Aufstand“.

Regel: 15 min stehen an verschiedenen Orten, die Augen geschlossen. In Innenräumen ohne Schuhe.
Orte: Ein langer Flur. Eine Ausstellung. Zwischen 2 Schiebetüren in einem Eingang. In der Fussgängerzone.

Was passiert um mich herum?
Ist mein linkes Bein länger als mein Rechtes?
Nur Stehen?
Sind 15 min Stehen anstrengend?
Wie ist es, einen Ort nur zu hören?
Werde ich als Teil der Ausstellung betrachtet?
Bin ich ohne Schuhe „mehr“ Kunst?
Werde ich beobachtet?
Ist das „mein“ Raum um mich herum?
Bin ich im Weg?
Stehe ich nur für mich?


Einige Reaktionen: 

„echt hart“
„Meditation?“
..Schnipsen am Ohr…
„geht’s Ihnen gut? Alles in Ordnung?“
„Was soll das?“